Nagel im Reifen: reparieren oder ersetzen
Wo ein Loch geflickt werden darf, wo nie, und warum das Pannenspray die Reparatur meistens verhindert.
Stand 2026-08-24
Ein Nagel in der Lauffläche ist oft reparabel. Derselbe Nagel zwei Zentimeter weiter aussen ist es nicht. Und wer vorher zum Pannenspray greift, hat die Frage meist schon entschieden.
Die kurze Antwort
| Wo der Schaden sitzt | Reparabel? |
|---|---|
| Lauffläche, mittlerer Bereich | Ja, bis 6 mm Schadengrösse |
| Lauffläche, äusserer Rand | Nein |
| Schulter | Nein |
| Flanke | Nein |
Und drei Dinge, die unabhängig vom Ort gelten: Der Reifen darf nicht mit Dichtmittel behandelt worden sein, er soll nicht älter als sieben Jahre sein, und er darf höchstens dreimal repariert worden sein.
Warum die Flanke nie geflickt wird
Die Seitenwand ist der tragende Teil des Reifens, biegt sich bei jeder Radumdrehung durch, und die Karkassfäden sind dort der einzige Festigkeitsträger. Ein Schaden dort trifft genau die Struktur, die die Last hält.
Die Schulter fällt aus demselben Grund heraus: Dort geht die Lauffläche in die Flanke über, die Belastung wechselt, und die Reparaturverfahren halten das nicht. Eine schmale Ausnahme kennt ein Hersteller für Reifen bis Geschwindigkeitsklasse T und Löcher bis 3 mm; das ist die Ausnahme und nicht die Regel.
Reparabel ist also nur der Laufflächenbereich, und dort nicht bis an den Rand. Der Schweizer Leitfaden formuliert es als Daumenregel: Laufflächenbereich abzüglich einer Daumenbreite auf jeder Seite.
Gibt es dafür ein Gesetz?
Nein, und das ist die ehrliche Auskunft. Kein Schweizer Erlass regelt die Reifenreparatur. Weder SVG noch VRV, VTS oder VZV kennen dazu einen Artikel. Auch international gibt es keine Regelung; die UNECE-Reglemente zu Reifen betreffen die Runderneuerung, nicht die Instandsetzung.
Geregelt ist nur der Zustand, in dem ein Reifen im Verkehr sein muss. Art. 58 Abs. 4 VTS: Das Gewebe darf nicht verletzt oder blossgelegt sein, und auf der ganzen Lauffläche braucht es mindestens 1,6 mm Profil. Darüber steht Art. 29 SVG, wonach ein Fahrzeug nur in betriebssicherem Zustand verkehren darf.
Was es statt eines Erlasses gibt, ist eine Fachregel: den Leitfaden des Reifen-Verbands der Schweiz, der auf die deutsche Richtlinie zur Beurteilung und Instandsetzung von Reifenschäden zurückgeht. In der Schweiz ist das Stand der Technik, nicht Recht.
Sechs Millimeter, dreimal, und was sonst noch zählt
Der maximale Durchmesser eines reparablen Einstichs im Laufflächenbereich beträgt bei Personenwagen 6 mm.
Ein Personenwagenreifen darf höchstens dreimal repariert werden, und die Stellen müssen auseinanderliegen.
Nebenbei ein verbreiteter Irrtum: „Reifen mit Geschwindigkeitsindex V, W oder Y dürfen nicht repariert werden“ stimmt nach der aktuellen Schadentabelle nicht. Bis Index Y sind Reparaturkörper bis 6 mm freigegeben.
Warum von innen, und warum das Pannenset die Reparatur verhindert
Für die Beurteilung muss der Reifen von der Felge. Erst dann sieht man die Innenseite, und nur dort zeigt sich, ob die Karkasse Folgeschäden hat.
Die fachgerechte Reparatur füllt den Schadenkanal und setzt innen ein Pflaster. Ein Docht, der von aussen eingedrückt wird, ohne den Reifen abzuziehen, ist nach dem Schweizer Leitfaden keine Reparatur, sondern Pannenhilfe.
Dichtmittel wirken ohnehin nur in der Lauffläche und nur bis zu einer Schadengrösse von rund 4 bis 5 mm. Bei abgelöster Lauffläche, Rissen oder undichten Ventilen helfen sie nicht. Dazu kommt ein Punkt, den kaum jemand vorher weiss: Das Mittel verschmutzt die Montiermaschine erheblich, weshalb der Reinigungsaufwand oft separat anfällt.
Bleibt der Geschwindigkeitsindex gültig?
Ja. Kein Schweizer Erlass sieht nach einer fachgerechten Reparatur eine Herabstufung vor, und der Hersteller des Reparaturmaterials hält ausdrücklich fest, dass der Reifen danach ohne Einschränkungen zur Verfügung steht.
Der Index wirkt in die andere Richtung: Er entscheidet vorher, welche Schadengrösse überhaupt repariert werden darf.
Nach dem Verfahren richtet sich, wann du wieder fahren kannst. Manche Reparaturen sind sofort einsatzbereit, andere brauchen 24 Stunden.
Eine fachgerechte Reparatur wird übrigens gezeichnet: Der Reparateur bringt innen auf dem Pflaster seine Initialen an. Wer den Reifen später abzieht, sieht, wer die Arbeit gemacht hat.
Runflat und die Fahrt mit zu wenig Druck
Ein Runflat-Reifen erlaubt nach Druckverlust rund 80 Kilometer bei höchstens 80 km/h. Ob er danach noch repariert werden darf, sehen die Hersteller unterschiedlich: Der eine schliesst es nach einer Druckverlustfahrt aus, der andere lässt eine Reparatur zu. Verbindlich ist die Vorgabe des jeweiligen Reifenherstellers.
Selbstdichtende Reifen und Akustikreifen mit Schaumeinlage sind dagegen wie ein Standardreifen reparierbar.
Wer mit zu wenig Druck weiterfährt, zerstört den Reifen von innen, ohne dass man es aussen sieht: Die Seitenwand wird eingequetscht, das Innengummi löst sich in Stücken. Genau deshalb gehört ein drucklos gefahrener Reifen angesehen und nicht einfach aufgepumpt. Und es bleibt nicht beim Reifen: Auch Felge, Bremsen und Fahrwerk können Schaden nehmen.
Was das für Kontrolle und MFK bedeutet
Für beides gilt derselbe Massstab, Art. 58 Abs. 4 VTS. Ein Reifen mit sichtbarem Schnitt bis auf den Cord, mit Beule oder freiliegendem Stahl ist nicht vorschriftsgemäss.
Die Ordnungsbusse für einen mangelhaften Reifen beträgt CHF 100 für den Führer, und der Halter wird dafür separat gebüsst. Wo die Ordnungsbusse nicht greift, bleibt Art. 93 Abs. 2 SVG: Wer ein Fahrzeug führt, von dem er weiss oder wissen könnte, dass es den Vorschriften nicht entspricht, wird gebüsst.
Wenn es dich erwischt
- Anhalten und nachsehen, statt weiterzufahren. Bei einem leichteren Mangel darf mit besonderer Vorsicht weitergefahren werden, die Reparatur ist ohne Verzug zu veranlassen (Art. 57 Abs. 3 VRV)
- Den Fremdkörper stecken lassen, wenn der Reifen noch Druck hält. Er dichtet notdürftig und markiert die Stelle
- Das Pannenset nur benutzen, wenn es sein muss. Danach ist die Reparatur meist keine Option mehr
- Den Reifen ansehen lassen. Ob repariert werden darf, entscheidet sich erst, wenn er von der Felge ist
