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Wie alt darf ein Reifen sein

Die vier Ziffern auf der Flanke, was Gummi mit den Jahren macht, und warum die Schweiz dazu kein Gesetz hat.

Stand 2026-08-24

Profil hat ein Reifen oder nicht, das lässt sich messen. Alter sieht man ihm nicht an, und genau deshalb wird es übersehen. Ein Reifen mit 6 mm Profil kann trotzdem der falsche sein.

Die vier Ziffern auf der Flanke

Zuerst eine Begriffssache: DOT ist kein Datum. Die drei Buchstaben sind das Zeichen des US-Verkehrsministeriums, mit dem der Hersteller bescheinigt, dass der Reifen die amerikanischen Sicherheitsstandards erfüllt.

Das Datum steht am Ende des DOT-Blocks, als Gruppe von vier Ziffern: die ersten beiden für die Kalenderwoche, die letzten beiden für das Jahr. Bei XXXXXXX2714 heisst das: Woche 27 des Jahres 2014.

Steht dort nur ein dreistelliger Code, ist der Reifen vor Mitte 2000 gebaut, also mindestens 26 Jahre alt. Damals nannten zwei Ziffern die Woche und eine einzige das Jahr, und das Jahrzehnt liess sich nicht ablesen. Genau deshalb wurde umgestellt. Das oft erwähnte kleine Dreieck als Kennzeichen der Neunzigerjahre ist Branchenpraxis und steht in keiner Vorschrift.

Und noch eine Verwechslung, die häufig vorkommt: Das DOT auf der Reifenflanke hat nichts mit der DOT-Klasse der Bremsflüssigkeit zu tun. Beide gehen auf dieselbe Behörde zurück, sonst nichts.

Was im Gummi passiert

Alterung läuft ab, ob der Reifen gefahren wird oder nicht. Zwei Vorgänge wirken zusammen:

  • Chemisch: Wärme und Sauerstoff machen das Material härter und spröder. Oxidation erzeugt selbst keine Risse; das versprödete Material reisst dann beim Walken.
  • Mechanisch: Die Spannungen im normalen Betrieb.

Wärme ist der stärkste Beschleuniger. Die amerikanische Verkehrsbehörde altert Reifen im Labor fünf Wochen bei 65 Grad, was etwa vier Jahren Betrieb in Arizona entspricht. Umgekehrt gelesen heisst das: Ein Reifen im Schweizer Mittelland altert langsamer als einer im Süden.

Schutz steckt in der Mischung: Antiozonantien und Wachse hemmen die Rissbildung. Dieser Schutz ist aber endlich und wird über die Jahre verbraucht.

Die Forschung sieht schädliche Veränderungen nach etwa fünf Jahren, sei es durch Lagerung oder durch Gebrauch. Der grösste Teil der Eigenschaftsänderung tritt dabei in den ersten drei bis vier Jahren ein und läuft danach flacher weiter.

Was in der Schweiz gilt, und was ausdrücklich nicht

Es gibt in der Schweiz keine gesetzliche Altersgrenze für Reifen an Personenwagen. Der massgebende Art. 58 VTS verlangt ausreichende Tragfähigkeit, Eignung für die Höchstgeschwindigkeit, gleiche Bauart, unverletztes Gewebe und mindestens 1,6 mm Profil. Ein Alterskriterium kommt darin nicht vor.

Auch für Anhänger und Wohnwagen gibt es keine. Genau hier wird die deutsche Regel regelmässig falsch übertragen: In Deutschland dürfen bei Anhängern mit Tempo-100-Zulassung die Reifen nicht älter als sechs Jahre sein. Das ist deutsches Recht und gilt hier nicht.

Die MFK prüft kein Reifenalter. Gemessen wird gegen Art. 58 VTS: Profiltiefe, Zustand des Gewebes, Beschädigungen. Ein alter, aber unbeschädigter Reifen mit genug Profil ist nach dem Wortlaut nicht zu beanstanden. Beanstandet werden die Folgen der Alterung, also Risse, die das Gewebe freilegen.

Das heisst nicht, dass Alter folgenlos wäre. Über der Ordnungsbusse von CHF 100 für einen mangelhaften Reifen steht die Generalklausel: Fahrzeuge dürfen nur in betriebssicherem Zustand verkehren (Art. 29 SVG). Wer die Betriebssicherheit vorsätzlich so beeinträchtigt, dass Unfallgefahr entsteht, macht sich strafbar.

Was die Fachwelt empfiehlt

Hier gehen die Zahlen auseinander, und das ist ehrlicher als eine einzige:

WerEmpfehlung
TCS (heute)Reifen über acht Jahre ersetzen
TCS (Medienmitteilung 2011)Reifen über zehn Jahre austauschen
Reifen-Verband der Schweizmöglichst nicht älter als zehn Jahre
Continentalab zehn Jahren nicht mehr verwenden
Michelinab fünf Jahren jährlich prüfen lassen, ab zehn ersetzen
ETRTOkeine Jahreszahl, weil sie von Lager- und Betriebsbedingungen abhängt

Die Zurückhaltung der ETRTO hat einen Grund: Ein Reifen, der in einer kühlen Garage lag, ist mit acht Jahren ein anderer als einer, der acht Sommer in der Sonne stand.

Woran man Alterung sieht, und was man nicht sieht

Sichtbar sind feine Risse in der Seitenwand und im Rillengrund, eine harte, glasige Oberfläche, manchmal eine Verformung.

Der wesentliche Teil passiert allerdings innen: Die Haftung zwischen Gürtel und Gummi lässt nach, die Bruchkraft der Cordfäden sinkt, Stahlcord korrodiert. In einer Untersuchung an 26 aus dem Betrieb geholten Reifen zeigten 16 Korrosion an einem oder mehreren Stahlgürteln, und alle ab acht Jahren waren betroffen. Auf die Sichtprüfung allein sollte man sich also nicht verlassen.

Der zweite Radsatz altert mit

Ein Winterradsatz, der von Oktober bis Ostern läuft, steht zwei Drittel des Jahres, und altert in dieser Zeit weiter. Wer beim Wechsel nur den Satz anschaut, der gerade abgeht, sieht die Hälfte.

Prüfanlass sind besonders ältere Fahrzeuge und solche mit niedriger Kilometerleistung. Dort kommt der Reifen ans Alter, bevor er ans Profil kommt.

Wenn ein neuer Reifen nicht mehr neu ist

Das ist Kaufrecht, nicht Verkehrsrecht. Der Verkäufer haftet für die zugesicherten Eigenschaften und dafür, dass die Sache keine Mängel hat, die ihren Wert mindern. Eine gesetzliche Grenze, ab wann ein Reifen nicht mehr als neu verkauft werden darf, gibt es nicht.

Was es gibt, sind zwei Branchenmassstäbe: Der Reifen-Verband nennt beim Kauf fünf Jahre als Obergrenze, der TCS empfiehlt, nur Reifen bis drei Jahre zu bestellen. Der TCS begründet das nicht nur mit Alterung, sondern mit der laufenden Weiterentwicklung.

Praktisch wichtig ist die Rügeobliegenheit: Prüfe die Ware, sobald es üblicherweise möglich ist, und zeige Mängel sofort an. Wer das versäumt, gilt als einverstanden. Gewährleistungsansprüche verjähren zwei Jahre nach Ablieferung.

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